Die unerträgliche Leichtigkeit des freien Falls

Summer is finally here: what better time for some reading breaks in the sun? For inspiration, The Glossa‘s German Editor Caroline Borowski reviews her favourite author’s final novel: Bilder deiner großen Liebe by Wolfgang Herrndorf: a perplexing, incomplete fragment that asks all the right questions about madness and happiness.

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Bilder deiner großen Liebe ist der Titel, und der Untertitel: Ein unvollendeter Roman. Dies ist Wolfgang Herrndorfs letztes, 2014 erschienenes Werk und mit nur 95 Seiten eher ein Romanfragment. Es beschreibt die Geschichte von Isa, jenem verrückten, seltsam hellsichtigen Mädchen, dem die beiden Jungs aus Tschick während ihrer Spritztour auf einem Schrottplatz begegnen. Und so seltsam und einleuchtend wie seine Heldin ist auch dieser Text.

„Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert“: so beginnt Isas Reise. Eines Tages bricht die Jugendliche aus einer Anstalt aus und wandert fortan durch Wälder, Felder und Dörfer und trifft auf verschiedenste Menschen. Dass das ein wichtiger Unterschied ist – verrückt oder bescheuert – wird dabei immer wieder deutlich, denn Isa mag zwar psychisch instabil und als Erzählerin nicht immer verlässlich sein (welcher Erzähler ist das schon?), doch die scheinbar Normalen stehen ihr in Einsamkeit und Befremdlichkeit häufig in nichts nach. Der Binnenschiffer: ist er nun ein gesuchter Bankräuber oder nicht? Das taubstumme Kind, Olaf, das lieber Heinrich heißen würde: wie hat es gelernt, allein mit seinem Gesicht ganze Gespräche zu führen?

Durch ihre Flucht hat sich Isa noch weiter von der „normalen“ Welt entfernt, als sie es in der Anstalt ohnehin schon war. Sie lebt außerhalb menschlicher Behausung (seit ihrer Kindheit übernachtet sie im Freien) und der menschlichen Gesellschaft insgesamt. Dabei hat sie ein messerscharfes Verständnis ihrer Gesetze: „Ich wollte ein Junge sein, solange ich denken kann,“ erinnert sie sich. „Als Mädchen ist man wie behindert, man hat auf einmal einen Körper. Und das weiß ja keiner, die Jungs. Die wissen überhaupt nicht, was das bedeutet, einen Körper zu haben.“ Wie verrückt ist sie also wirklich? Oder besser gesagt: ist Verrücktheit nicht nur eine Frage der Perspektive, und wenn ja, woher soll man wissen, ob Isa nicht die eigentlich Zurechnungsfähige ist?

Ein alternder Waldarbeiter erzählt aus seiner Jugend, vom kleinen, sonnenbeschienenen Waldweg, den er jeden Tag entlangging, mit der Hand über die Farnwedel streichend. Wenn ihm da jemand gesagt hätte, das wäre die glücklichste Zeit seines Lebens, hätte er es nicht geglaubt, sagt der Mann: „Weil du nicht weißt, was Zeit ist. Du weißt es nicht. Aber bald wirst du es wissen, und dann liegst du einen Meter fünfzig unter der Erde. Und darum erzähle ich dir das. Weil ich vielleicht der bin, der dir sagt, dass du mit der Hand über die Farne streichst, ohne es zu wissen.“ Das Glück ist flüchtig, das Glück ist da, wo man es nicht erwartet, das Glück ist unbewusst und unvollendet: das Glück ist ein freier Fall mit offenem Ende.

Wie Herrndorfs Herausgeber Marcus Gärtner und Kathrin Passig im sehr interessanten Anhang erklären, sind die lose Struktur und bisweilen widersprüchliche Details (etwa das Schicksal von Isas Vater) durch die Lebensumständen des Autoren begründet. Denn Herrndorf arbeitete gegen die Zeit: ihm war eine schwere Krebserkrankung diagnostiziert worden. Als das lückenhafte Manuskript nach seinem Tod im August 2013 von den Verlegern bearbeitet werden musste, entschieden sie sich, nicht alle Unklarheiten auszuarbeiten: das stünde nur dem Autoren zu. So ist der Text in gewissem Maße selber ein Beispiel eben jener Zufälligkeit und unvollendeter Offenheit, die sein Inhalt, Isas Reise, beschreibt: ein „Ziel“ im herkömmlichen Sinne erreicht sie nie.

Auf diese Offenheit muss man sich als Leser natürlich erst einmal einlassen. Aber wer das tut, wird mit ehrlich-offenen Augen an die Absurditäten des Lebens herangeführt und mit Prosa belohnt, die ohne Umschweife oder Anmaßung (Herrndorf war kein Freund von „Germanistenscheiß“) im Alltäglichen das Außergewöhnliche zu finden weiß.

 

Wolfgang Herrndorf, Bilder deiner großen Liebe. Ein unvollendeter Roman (Berlin: Rowohlt, 2014).

If you would like to share some of your favourite German-language literature, let Carrie know at glossa.german@gmail.com.

Photo credit: Rowohlt Berlin
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